[Due Diligence] ZEIº — Physische Zeiterfassung von Timeular

Achtseitiges Polygon und Zeiterfassungssoftware

Das Startup Timeular produziert das für Zeiterfassung genutzte achtseitige Polygon ZEIº. Jede dieser Seiten kann der Nutzer selbst beschriften und so einer Aufgabe, einem Projekt oder Ähnlichem zuweisen. Die nach oben gerichtete Seite repräsentiert die laufende Aufnahme welche entweder in die eigene Software (Desktop und Mobile) oder eine Dritthersteller-App (z. B. Toggl) gespeichert wird.

Hardwarebasierte Zeiterfassung von Timeular mit ZEIº
Drei bereits beschriftete ZEIºs (Quelle)

Obwohl ich mir vorstellen kann, dass Timeular Investoren findet, zweifle ich an dem Konzept* aus folgenden Gründen:

  1. ZEIº schafft “Pain” vor und während der Nutzung
  2. Timeular und ZEIº haben zu schwache Differenzierung
  3. Mangelnde Kompetenzen im Managementteam
  4. Mangelnder Entwicklungsfokus

ZEIº schafft “Pain” vor und während der Nutzung

ZEIº schafft “Pain” für Nutzer, indem Wechselkosten entstehen, den Kunden Flexibilität genommen und eine Verhaltensänderung verlangt wird.

Durch ZEIº entstehen Wechselkosten für Nutzer

Wechselkosten entstehen durch den Umstieg auf eine neue Software und die Gestaltung des Geräts (obwohl die Gestaltungsmöglichkeit für manche Nutzer ein Kaufargument ist).

ZEIº nimmt Nutzern Flexibilität

Neben dem grundsätzlichen Mangel an Flexibilität auf Grund der acht Zeitkategorien fehlt Flexibilität, weil Nutzer keine spontanen Tasks einbauen können, sondern immer an die vorgegebenen Seiten gebunden sind. Verstärkt wird diese Problematik durch Projektänderungen welche ein Anpassen der Zeitkategorien verlangen. Die dadurch wiederholt notwendige Umgestaltung des ZEIºs könnte auf Dauer nervig sein. Eine weitere Einschränkung ergibt sich durch die leichte Möglichkeit des Stehlens (wie Wolle in einem Onlinekommentar andeutet). Auch darf die Einschränkung durch die hauptsächlich stationäre Nutzung nicht unterschätzt werden. Die Gründer sind sich zwar bewusst, dass ZEIº in erster Linie für stationäre Arbeiter ist:

Das Produkt zielt in erster Linie auf Leute ab, die einen Bürojob haben. Für jemanden, der viel unterwegs ist, ist die Handhabung schwierig.

vernachlässigen dabei aber, dass auch stationäre Arbeiter unterwegs sind wie beispielsweise bei externen Meetings. Auf Grund des “Mismatches” zwischen immer notwendiger aber nur teilweise möglicher Zeiterfassung entsteht trotz der kurzen Unbenutzbarkeit wegen der unvollständigen Zeiterfassung ein großes Problem. Falls Kunden in dieser ”ZEIº-losen Zeit” merken, dass sie auch ohne den ZEIº gut auskommen, erweitert sich dieses Problem indem es den möglicherweise nur marginalen Mehrwert bewusst macht.

ZEIº verlangt schwer umsetzbare Verhaltensänderung

Aus psychologischer Sicht gibt es drei (potentielle) ZEIº-Nutzer:

  • Leute die Lust auf Zeiterfassung haben
  • Leute die keine Lust auf Zeiterfassung haben
  • Leute die “OK” Lust auf Zeiterfassung haben (jene die es machen, weil sie es machen müssen)

Diese psychologische Unterscheidung ist wichtig, da sie die Herausforderungen bei der Kundenakquise verdeutlicht. Timeular darf sich nicht mit für Zeiterfassung resistenten Kunden verzetteln bzw. muss sicherstellen, dass sie für die Akquise solcher Kunden die dafür notwendigen Kompetenzen besitzen:

Leute die Lust auf Zeiterfassung haben werden ihre Arbeit auch ohne ZEIº festhalten, könnten aber zu Timeular Kunden werden, unter der Voraussetzung, dass es ihnen signifikante Vorteile bringt.

Leute die jedoch keine Lust auf Zeiterfassung haben, werden es auch mit ZEIº nicht machen, weil es — wie oben geschrieben — mit “Pain” kommt.

Leute die “OK” Lust auf Zeiterfassung haben, werden ZEIº wahrscheinlich nur nutzen wenn sie durch In-App Rewards und/oder Incentives belohnt werden. Diese arbeitspsychologische Sicht versucht Timeluar einzuschlagen:

Wir als Unternehmen sagen, dass 40 Stunden pro Woche viel zu viel Arbeit sind, weil man einen Teil davon eh unproduktiv ist. Wir wollen Leute produktiver machen. Erst wenn man sieht, was man den ganzen Tag macht, kann man sein Zeitmanagement verbessern.
Unsere Wunschvorstellung — natürlich klingt das jetzt ein bisschen naiv, aber man soll sich hohe Ziele setzen — ist, aufbauend auf ZEI°, ein System aufzubauen, damit die Leute effizienter arbeiten. Das Endziel ist die 30-Stunden-Woche. (Quelle)

und

Wir sind 4 Jungunternehmer die davon überzeugt sind, dass wir heutzutage viel zu viel Zeit verschwenden und dass uns die Technik dabei helfen kann, dies zu ändern. Unser Ziel bei Timeular ist es, Lösungen zu schaffen, die uns helfen, unsere Zeit aufzuwerten. (Quelle)

Jedoch halte ich das auf Grund der mangelnden Differenzierung  (Unternehmen und Produkt), dem aktuellen Team (klein und mangelnde Kompetenzen) und dem mangelnden Entwicklungsfokus schwer umsetzbar.

Timeular und ZEIº haben zu schwache Differenzierung

Die Differenzierung entnommen einem Interview:

Was uns von vielen anderen Start-ups unterscheidet, ist, dass es nicht unser Ziel ist, einfach nur Geld zu machen. Unser Fokus liegt ganz klar darauf, ein geniales Produkt zu entwickeln, das für die User echten Mehrwert schafft. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass das Team ein extrem wichtiger Faktor für den Erfolg eines Start-ups ist. Wir sind alle extrem an Produktivität interessiert und daran, wie man seine Zeit — das wertvollste Gut, das wir haben — besser nutzen kann. Diese Leidenschaft treibt uns auf jeden Fall an und hilft uns auch in den schwierigeren Zeiten motiviert und zielstrebig zu bleiben. Als weiteren Erfolgsfaktor würde ich auch noch sehen, dass wir uns durch unsere Entscheidung eine Hardware-Lösung zu entwickeln, wirklich ganz klar vom Rest des Marktes abheben und dadurch ein starkes Alleinstellungsmerkmal schaffen können. (Quelle)

Timeular differenziert sich also durch Hardware und will nicht nur Geld machen, sondern ein geniales Produkt entwickeln, welches für Nutzer echten Mehrwert schafft. Zusätzlich besitzt das Team Leidenschaft für ihr Thema. Dieser Differenzierung mangelt es an einer Unterscheidung zu einem generischen Unternehmen als auch zu anderen Zeiterfassungstools.

Mangelnde Unterscheidung zu einem generischen Unternehmen

Jedes Team hat Leidenschaft für ihr Produkt und will eines mit Mehrwert für Kunden produzieren. Diese von Timeular genannten Differenzierungen sollen eine Selbstverständlichkeit sein und nicht gesondert erwähnt werden müssen.

Mangelnde Unterscheidung zu anderen Zeiterfassungstools

Obwohl die Hardware als Erfolgsfaktor im Vergleich zur softwareseitigen Konkurrenz — und da auch nur wenn das Produkt Mehrwert bietet (was im Fall von Timeular — wie erwähnt — angezweifelt werden darf) eine Differenzierung darstellt, können ZEIºs USPs anderweitig gelöst werden. So könnte ZEIºs Vorteil eine visuelle Tracking-Erinnerung zu sein durch Software (z. B. Erinnerungen wie sie Toggl hat) gelöst bzw. antrainiert (nach einiger Zeit merkt man sich die Wichtigkeit und benötigt keine Software mehr) werden. Timeulars Ziele wie z. B. ”Lösungen zu schaffen, die uns helfen, unsere Zeit aufzuwerten” (siehe ZEIº verlangt schwer umsetzbare Verhaltensänderung) können durch eine bewusstere Arbeitsweise (hierzu gibt es Bücher etc.) gelöst werden. Auch ist die Frage ob die “Friction” die ZEIº beseitigt (es muss keine Software geöffnet werden um die Zeiterfassung zu starten) nicht durch bessere UI/UX bei Softwarelösungen gelöst werden kann (Toggl und Harvest sind aus meiner Erfahrung sehr gut zu bedienen) und ob die Nutzung von ZEIº signifikant besser ist.

Obwohl es ein Patent gibt welches ZEIº schützt ist das Prinzip dahinter — Hardware-basierte Zeiterfassung — kopierbar, da andersförmige Gadgets gebaut werden können (ich habe ein ähnliches Produkt vor einiger Zeit sogar schon gesehen, konnte es jedoch nicht mehr finden, werde es aber nachreichen falls ich es wiederentdecke). Auch weist Timeular durch das auf Kickstarter angebotene Maker Kit indirekt auf die leichte Kopierbarkeit hin. Trotz des “Maker movements” halte ich eine DIY-Version unter anderem dafür für fraglich.

Zwar könnte das Maker Kit als Differenzierung gesehen werden, es ist aber aus meiner Sicht falsch priorisiert da dadurch kosten- und zeitintensive Sales- und Support-Anfragen entstehen (das Maker Kit entsteht individuell in Zusammenarbeit mit Timeular und den Käufer).

Das Eingehen von Kooperationen ist aus Timeulars Sicht eine weitere Differenzierungsstrategie:

Aktuell gibt es am Markt keine ähnliche oder gleiche Lösung und unsere größten Konkurrenten bieten “nur” Software-Lösungen an. Wir versuchen das Problem der Konkurrenz außerdem durch Kooperationen zu umgehen und sind damit bisher sehr erfolgreich. Bis wir im April 2017 mit dem Versand von ZEI° starten, planen wir unseren Usern 12 Integrationen mit bestehenden Software-Lösungen anbieten zu können, unter anderem beispielsweise mit Toggl, Harvest oder Wunderlist. (Quelle)

Für mich klingt das lediglich um softwareseitige Anbindung an die teilweise frei verfügbaren Schnittstellen der jeweiligen Anbieter. Falls dies der Fall ist, kann man es nicht als Differenzierung zählen da dies von jedem Unternehmen gemacht werden könnte.

Timeulars Changemanagement-Ansatz (siehe Ziele bei Unternehmerische und produkttechnische Differenzierung zu schwach) ist eine gute Idee, die auf Grund dieses schwierigen Themas (siehe ZEIº schafft Probleme für Nutzer vor und während der Nutzung) in Kombination mit dafür fehlenden Kompetenzen im Managementteam und einem mangelnden Entwicklungsfokus aber wahrscheinlich nur eine Idee bleiben wird.

Mangelnde Kompetenzen im Managementteam

Das Team besitzt zwar Fachexpertise in den Bereichen HMI, Entwicklung, Design und Produktion aber wenigunternehmerisches (kein Marketing, Strategie, Sales etc.) und (arbeits)psychologisches Wissen. Vor allem letzteres wird wichtig um die gesetzten Ziele (siehe Unternehmerische und produkttechnische Differenzierung zu schwach) zu erreichen.

Mangelnder Entwicklungsfokus

Timeular versucht Hardware zu bauen, Verhalten zu ändern und Software zu entwickeln. Die Hardware- und Verhaltensthemen habe ich oben behandelt, in Bezug auf Software glaube ich, dass die Gründer die Komplexität einer Zeiterfassungssoftware unterschätzen. Beispielsweise arbeiten bei Toggl (reine Zeiterfassungssoftware) ca. 40 Leute. Noch komplexer dürfte — auf Grund des Zusammenspiels zwischen Technik und Verhalten — die Entwicklung der geplanten personal productive recommendations sein. Auch denke ich, dass die geplanten Mikroideen zu verfrüht sind und mangelnden Fokus demonstrieren:

Eine Idee, die wir konkret in nächster Zeit umsetzen werden, ist, dass man Tasks priorisieren kann. Ein Beispiel: Während Programmieren ein Task ist, bei dem ich mich sehr konzentrieren muss, ist das beim E-Mail schreiben weniger der Fall. Ich kann einstellen, dass beim Programmieren die Töne beim Erhalten von E-Mails und Anrufen ausgeschaltet werden, damit ich nicht abgelenkt werde. Solche Ideen haben wir noch unzählige. (Quelle)

Kommt zu diesem Aufwand noch die Herstellung der ZEIºs, der Vertrieb, das Marketing (für Verhaltensänderung und produktspezifische Werbung) etc. hinzu, wird sich Timeular langfristig verzetteln und an keiner Stelle ein Angebot mit signifikantem Mehrwert (“bisschen besser” ist nicht genug) bieten können.

*Hinweis: Im Nachhinein fand ich heraus, dass Timeular bereits Investorengeld in Höhe von 200.000 Euro bekommen hat.

3 comments

  1. “Hardware-basierte Zeiterfassung — kopierbar, da andersförmige Gadgets gebaut werden können (ich habe ein ähnliches Produkt vor einiger Zeit sogar schon gesehen”

    Ich auch, schon vor über 15 Jahren – und ich glaube, wenn man von der Optik ausgeht, gibt’s das noch länger: https://www.datafox.de/datafox-mini.de.html Ist hier regional auch etwas bekannter als die Lösung aus Österreich, da das produzierende Unternehmen gleich um die Ecke sitzt.

    Das hatten wir schon bei diversen Beratungsprojekten vor Urzeiten im Einsatz, wenn auch zugegeben selten. Falls explizit eine Tätigkeitsanalyse verlangt wurde und sich kein Praktikant finden ließ, der mit Klemmbrett stundenlang hinter Mitarbeitern hertrotten wollte – ganz abgesehen von der psychologischen Komponente.

    1. Hi,

      Datafox kannte ich noch gar nicht, scheint mir aber rein aus Benutzersicht ein attraktiveres Produkt zu sein (das Anklicken einzelner Tasten – ähnlich einer Fernbedienung – funktioniert einfach aber effizient).

      Bei “und sich kein Praktikant finden ließ, der mit Klemmbrett stundenlang hinter Mitarbeitern hertrotten wollte” musste ich lachen 😀.

      Bzgl. “psychologischen Komponente”; ist hier das Gefühl von Überwachung und Kontrolle gemeint?

  2. Ich habe da spontan an das ein oder andere Projekt denken müssen, wo mir diese Aufgabe (als Praktikant) noch selber zu viel oder es mir später “delegiert” wurde. Da habe ich das ein oder andere mal den Kopf schütteln müssen, wie man einen hochbezahlten Angestellten für drei Tage quer durch’s Land schicken kann, nur um Tätigkeitsanalysen von Mitarbeitern vor Ort mit archaischen Methoden (das besagte Klemmbrett 😀 ) festzuhalten.

    Da wir damals rein aus betriebswirtschaftlichen Gründen nach einem Ausweg suchten, kamen wir auf die Firma. Und bei bestimmten Gegebenheiten konnten wir schlichtweg aus arbeitsrechtlichen Gründen keine Praktikanten schicken.

    “…ist hier das Gefühl von Überwachung und Kontrolle gemeint?”

    Definitiv. Grundsätzlich hadern Mitarbeiter bei der Einführung einer Zeiterfassung regelmäßig damit. Ich habe selten ein Projekt gehabt, wo es nicht in Gesprächen (mit den Mitarbeitern) darum ging. Wenn man dann noch jemand hat, der einem ständig alle naselang stundenlang folgt und auf die Finger schaut… Es führt auch ehrlich gesagt zu Ergebnisverfälschung, da jemand der direkt beobachtet wird ganz anders arbeitet als jemand, der seine Tätigkeit selbst erfasst. Hier findet fast immer eine Verschiebung in’s Negative statt.

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