[Due Diligence] Rollersharing-Startup Jaano

Das Hamburger Startup Jaano ging 2014 an den Start, meldete aber im Februar 2017 Insolvenz an. Hierbei handelt es sich um eine Falschaussage meinerseits; Jaano ist nicht insolvent (siehe Facebook-Post). Rückblickend habe ich hier nun eine Due Diligence geschrieben um zu sehen wie ich das Startup 2014 eingeschätzt hätte und ob meine Einschätzung Sinn macht.

Jaano – Rollersharing für Hamburg

Jaano ist ein Rollersharing-Startup bei dem Nutzer einen Roller mieten können. Bezahlt und gemietet wird mittels App. Trotz der App geschah aber vieles analog. So musste am “Anfang” (nicht klar wann es eingestellt wurde) eine Einschulung absolviert werden bevor man mit dem Roller unterwegs sein darf. Auch musste der Nutzer nach der Registrierung den B-Führerschein vor Ort bestätigen lassen.

Grundsätzlich ist positiv, dass Jaano in den Trend des intermodalen Verkehrs und Sharing Economy spielte. Nichtsdestotrotz ist bzw. wäre Jaano für Investoren ein schlechtes Investment, weil das Unternehmen unprofitabel, “stuck in the middle” und anfällig für Alternativen ist. Weiters fehlt Jaano Commitment, das Managementteam weist mangelnde Kompetenzen auf und hat opportunistisch gegründet.

Zu geringe Einnahmen und zu hohe Ausgaben

Jaano besaß zum Start 14 bzw. 15 umgebaute Vespa Primavera 50 4T 4V Roller (zwei Artikel gaben unterschiedliche Werte an). Diese umgebaute Jaano Edition kostet geschätzt 4000 €.1 Zusätzlich kommen laufende Kosten für Tank, Wartung, Versicherung und die tägliche Reinigung und der regelmäßige Wechsel der Helmpolster hinzu.

Kompensiert sollen diese Kosten über eine Anmeldegebühr von 19,90 € und Mietkosten von 0,13 € pro Minute bzw. 0,09 € pro Minute im Parkmodus (falls der Roller während der Miete geparkt wird) werden.

Geht man von ca. 6000 € Umsatz pro Jahr aus (30.000 fahrbare KM jährlich für alle Roller, hundertprozentige Auslastung zu fahrbaren Zeiten. Fahrbare Zeiten: Acht Monate pro Jahr, 16 Stunden pro Tag, wetterbedingt leerstehende Roller müssen beachtet werden) und vergleicht es lediglich mit der Abschreibung aller Roller pro Jahr (ca. 8.000 €, andere Kosten wie z. B. Personal oder Versicherung noch gar nicht berücksichtig) merkt man, dass Jaano damit keinen Gewinn macht. Zusätzliche Einnahmen wie z. B. eine Mindestgebühr pro Fahrt wie sie der Konkurrent scoo.me hat, wären sinnvoll gewesen.

Jaano ist “stuck in the middle”

Durch das Anbieten “trendiger“ Roller, dem Ziel einer flächendeckenden Expansion (siehe unten) und einem – im Vergleich zur Konkurrenz – niedrigerem bzw. gleichem Preis versuchte Jaano sowohl das beste (Differenzierungsstrategie) als auch das günstigste (Kostenführerschaft) Rollersharing-Startup zu sein. Eine solche kombinierte Strategie ist aber nur schwer machbar. Ob dies eine Gründer für die Insolvenz ist kann ich nicht sagen, Hierbei handelt es sich um eine Falschaussage meinerseits; Jaano ist nicht insolvent (siehe Facebook-Post). Jaano hätte aber aus meiner Sicht mit einer reinen Differenzierungsstrategie oder Kostenführerschaft starten sollen.

Zusätzlich hätte eine sukzessive Einführung wie z. B. bei Car2Go (von Smarts zu CLAs) – mehr Sinn gemacht:

Ursprünglich bot Car2Go nur zweisitzige Smarts an. Seit 2016 gibt es aber die Mercedes A-Klasse und den GLA zum Mieten. Seit 2017 ist nun auch der CLA mietbar. Diese Entwicklung ist sehr interessant, weil es nicht dem traditionellen PLC folgt. Statt mit einem differenziertem Produkt anzufangen (z. B. sportlich), bot car2go zu Beginn mit den Smart das Grundlegendste an, nämlich den Transport von A nach B. Sukzessive entwickelte sich das Angebot dann nach “hinten” im PLC und nun gibt es z. B. – wie car2go es beschreibt – lifestyle-Autos (den GLA) oder sportliche (den CLA) im Sortiment.

Auch muss beachtet werden, dass durch diese Positionierung mehr Geld das “einzige” ist was ein Konkurrent bräuchte um aus strategischer Sicht gleichauf zu sein.

Zur flächendeckenden Expansion:

Doch „Jaano“ fordert viel Einsatz von den Machern: „Wer eine Vespa braucht, will nicht erst eine Viertelstunde dahin laufen“, so Hoffrichter. Daher soll der Fuhrpark 2016 deutlich aufgestockt werden. Auch das Geschäftsgebiet, das sich derzeit nur auf Hamburgs Innenstadtgebiet zwischen Altona, Eimsbüttel, Stadtpark und Elbe begrenzt, soll ausgebaut werden – auch über Hamburgs Grenzen hinaus. (Quelle)

Anfälligkeit für Alternativen

  • Geringe Rollerdichte schafft Pain: Auf Grund der geringen Rollerdichte (etwa 1600 Einwohner pro Roller*) kommt es für Nutzer zu langen Gehdistanzen (die durchschnittliche Distanz zum Roller beträgt etwa sieben Minuten wenn man von einem Roller pro 1km², einer Distanz zum Roller von 500 Meter und 4km/h Gehgeschwindigkeit ausgeht) und Ungewissheit bzgl. der Rollerverfügbarkeit. Beide Punkte schaffen für Kunden mehr “Pain” als sie lösen. So gibt es deutlich bessere (schneller und leichter erreichbar, höhere Verfügbarkeit etc.) Verkehrsmittel wie z. B. eine Straßenbahn.
  • Niedrige Wechselkosten: Die niedrigen Wechselkosten für Nutzer erleichtern den Wechsel zu Alternativen noch zusätzlich.

*Jaano stellte auf einer Fläche von ca. 40km² etwa 14 Roller zur Verfügung. Bei einer Bevölkerungsdichte von 2000 Einwohnern pro km², kommen etwa 1600 Einwohner auf einen Roller.

Mangelnde Kompetenzen und Commitment

Negativ ist das mangelnde BWL-Wissen der Gründer und “Commitment” der Mitarbeiter; „Alle bei uns machen aber noch irgendwas nebenbei“, erklärt Hoffrichter, der gerade an seiner Bachelorarbeit schreibt. Auch waren zwei der Gründer (Linda Lar­tey und Tino Hoff­rich­ter) zum Zeitpunkt der Gründung Studierende, was zumindest zeitliche Probleme mit sich bringt.

Tino Hoffrichter, CEO & Founder
Psychologiestudent (positiv), aber lediglich Arbeitserfahrung durch Praktikantentätigkeiten (Immobilien-, Handel- und Gesundheitsindustrie)

Jaan Hofmann, COO & Founder
Ihm scheint es an Committment zu fehlen:

“Was machst du, wenn du gerade nicht für Jaano arbeitest? Wenn ich gerade nicht bei Jaano arbeite, unterstütze ich meinen Vater in seiner Firma.“

Positiv ist aber, dass er durch diese Arbeit damals schon drei Jahre Erfahrung als Projektleiter hatte.

Linda Lar­tey, Co-Founder (Linda war im aktuellen Team nicht mehr dabei)
Die Mitgründerin scheint nicht sehr gut organisiert zu sein:

Und wie schafft man es, die Grün­dung eines Star­tups mit dem Stu­di­um zu ver­ein­ba­ren?
Man muss sich die Zei­ten für das Start-​Up und die Zei­ten für die Uni­ver­si­tät mög­lichst mi­nu­ti­ös ein­tei­len und ist dabei na­tür­lich auch von vie­len ex­ter­nen Ter­min­vor­ga­ben, z.B. Klau­su­ren oder Team­mee­tings ab­hän­gig. Tino ge­lingt dies deut­lich bes­ser als mir (lacht). Daher muss man wohl auch ein­fach ein Stück weit Typ für diese kon­se­quen­te Or­ga­ni­sa­ti­on sein. Für mich ist das mit viel mehr Dis­zi­plin ver­bun­den. (Quelle)

und sah Jaano nur als temporäres Projekt:

Und wie geht es für Sie per­sön­lich wei­ter?
Ich habe Psy­cho­lo­gie stu­diert, um spä­ter als The­ra­peu­tin zu ar­bei­ten. Das ist noch immer ein Traum, den ich mir auch noch er­fül­len werde. Aber erst mal liegt mein Fokus auf Jaano. (Quelle)

Ein Problem für das mangelnde Commitment scheint mir die opportunistische Gründungsmotivation zu sein.

Opportunistische Gründungsmotivation

Problematisch finde ich die Gründungsmotivation, weil sie opportunistisch und nicht problemlösungsorientiert ist:

“Tino Hoffrichter, Jaan Hofmann und Linda Lartey waren in Amsterdam, verließen gerade eine Party, als sie vor dem Haus vier weiße Roller in Reih und Glied entdeckten. „Ist das sowas wie Car2Go“, fragten sie sich. War es nicht, doch eine Idee war geboren. In San Francisco können Roller an Stationen ausgeliehen werden, ergoogleten sie. Rollervermietung aber nach dem klassischen Car-Sharing-Prinzip gab es noch nicht.”

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